Seasteading - Seenahme

Der Begriff "Seasteading" ist ein aus dem Englischen Wort "sea" (Meer) sowie "homesteading" (Inbesitznahme, Besiedlung) zusammengesetzter Terminus, der seit den 1990er Jahren gebraucht wird. Er beschreibt das Konzept der Schaffung so genannter "Seasteads", bei denen es sich um alternative und freie Lebensräume für Menschen auf dem Meer handelt. Diese befinden sich außerhalb der Hoheitsgebiete jeglicher Nationen und sind somit unabhängig. Im Deutschen wird Seasteading als "Seenahme" bezeichnet.

Seasteading Vision vom Seasteading Institute

Grundsätzlich sollen bei den meisten Konzepten der Seenahme bzw. des Seasteading umgebaute Kreuzfahrtschiffe als Wohnstrukturen dienen.
Als weitere Objekte für die Schaffung von Lebensraum auf dem Wasser werden umgenutzte Bohrinseln, künstlich geschaffene Inseln oder nicht mehr betriebene Flak-Plattformen vorgeschlagen.
Bisher existiert weltweit noch kein offiziell anerkanntes Seastead, aber es gibt bereits Bemühungen und Projekte zur Schaffung eines solchen.

Ende der 1990er Jahre beschrieb der US Amerikaner Wayne Gramlich in einem Artikel mit dem Titel "Seasteading - Homesteading auf hoher See" zum ersten Mal konkrete Pläne für das Konzept der Seenahme. Er entwickelte den Plan für eine schwimmende Insel aus Getränkeflaschen. Auch die für die Energiegewinnung, die Produktion von Nahrung und das Filtern von Wasser notwendigen Systeme werden in dem Artikel beschrieben.

Richart Sowa setzte den Bau einer Insel aus rund 250.000 Plastikflaschen und Holzplatten in die Tat um. Nachdem im Jahre 2005 seine erste Plastik-Insel "Spiral Island" von einem Hurrikan zerstört wurde, baute er 2007 in einer Lagune der Isla de Mujeres eine Umwelt-Insel ausschließlich aus Müll und Muscheln und nannte sie "Joysxee Island". Die Insel besteht aus einem 3-stöckigem Haus mit schwimmendem Doppelbett, einer Solaranlage zur Stromgenerierung, einem Gemüsegarten und Palmen. Tanja Samed interviewte Richart Sowa und schrieb über seine Plastikflaschen-Insel das Buch Spiralogische Gespräche mit dem Mann von der Flascheninsel.

Seenahme von Richart Sowa auf Spiral Island

Patri Friedman, Enkel des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Milton Friedman, setzte sich wenige Jahre später mit Gramlichs Aufsatz auseinander. Dieser entsprach seinen Forderungen nach einem Raum zum Experimentieren im Bereich neuer und alternativer Gesellschaftsformen. 2001 veröffentlichten beide im Internet ein Buch, dass die Seenahme und all ihre Aspekte detailliert erläutert.

2008 erfolgte dann gemeinsam durch Gramlich und Friedman die Gründung des "Seasteading Institute". Dieses setzt sich für die Bildung von unabhängigen Gemeinschaften in internationalen Gewässern ein. Diese sollen sich auf schwimmenden Plattformen befinden, die mobil und autonom sind. Die Bewohner sollen zwischen den verschiedenen Seasteads einfach und unkompliziert hin- und herziehen können.
Seit 2009 gibt es einen durch das Seasteading Institut patentierten Entwurf für ein "Clubstead" genanntes Seastead, das sich in der Bucht von San Francisco befinden soll. Diese schwimmende Plattform soll Wohnraum für etwa 200 Menschen bieten und die Größe eines Wohnviertels besitzen.

Das Seasteading Institut plant selbst kein Seastead, sondern definiert sich als nicht kommerzielle Organisation, die sich mit der Planung und Entwicklung des Konzepts der Seenahme befasst. Stattdessen sollen Firmen und Unternehmen die Seasteads bauen und betreiben.

Das Seasteading Institut sieht die Seenahme auch ideologisch als eine Schaffung von Möglichkeiten, um mit alternativen Gesellschaftsformen und politischen Systemen zu experimentieren. Da beim Seasteading rechtlich gesehen die Unabhängigkeit von jeglicher Nation besteht, sind alternative und freie Lebensformen hier leichter umzusetzen. Auch bietet sich so die Möglichkeit, die erfolgreichsten im Seasteading ausprobierten Systeme auf andere Länder zu übertragen.
Peter Thiel, der Gründer von Pay Pal, finanziert das Seasteading Institut und sein Konzept der Seenahme als zukunftsträchtiges Konzept.
Für die weltweite Verbreitung der Idee werden vom Institut seit einigen Jahren nach einer Prüfung lokale Botschafter ernannt. Diese verpflichten sich dazu, das Konzept der Seenahme weiter zu verbreiten und bekannt zu machen.

Das Festival Ephemerisle ist ein seit 2009 am Sacramento River in Kalifornien stattfindendes Kunst- und Kulturfestival, das ebenfalls mit der Idee der Seenahme im Zusammenhang steht. Die Teilnehmer verbringen die Zeit des Festivals gemeinsam auf dem Wasser des Flusses, wobei die Zeiträume sich jedes Jahr verlängern sollen. Im Rahmen des Festivals soll eine Art Keimzelle für die Kultur der Seenahme entstehen.

Mittlerweile existiert mit dem Poseidon Award ein Preis für die Schaffung des ersten autonomen Seasteads. Dabei wird eine Statue, das so genannte Poseidon Monument mit den Namen der so genannten Seasteading Argonauten vergeben. Die Seasteading Argonauten sind Geldgeber und Spender, die zur Entstehung des Seasteads wesentlich beigetragen haben. Das erste Seastead, welches mindestens 50 dauerhafte Bewohner hat, finanziell unabhängig ist, politische Unabhängigkeit besitzt und Grundbesitz für Bewohner auf dem freien Markt anbietet, wird den Poseidon Award erhalten. Ziel ist es, ihn bis 2015 zum ersten Mal zu vergeben.

Seasteading Promo für den Poseidon Award für die erste erfolgreiche Seenahme mit 50 Personen

Neben dem Poseidon Award gab es im Bereich der Seenahme noch den so genannten "Sink Ort Seim" Wettbewerb. Dieser fand im Jahr 2011 statt und prämierte das beste auf dem Seasteading basierende Geschäftskonzept. Den ersten Preis gewann ein Konzept für Fischfarmen auf hoher See. Der zweite Platz ging an ein Konzept für ein Seastead, auf dem nicht amerikanische Fachkräfte vor der Küste der USA ohne Visum im Silicon Valley arbeiten und wohnen können.

Dieses Konzept der Seenahme strebt in Form des so genannten "Blueseed Venture" vor San Francisco einer Realisierung zu. Es soll ein Büro- und Geschäftszentrum mit Wohnmöglichkeiten dienen, in dem nicht-amerikanische Fachkräfte und Unternehmer außerhalb der amerikanischen Hoheitsgewässer auf die Freigabe ihres Visums warten können. Es haben bereits über 1.500 Unternehmer aus über 70 Ländern ihr Interesse daran bekundet. Als geplanter Beginn des Projektes wird Herbst bis Winter 2014 angenommen, die vollständige Finanzierung steht allerdings noch aus. Es bleibt also spannend, wie das Projekt verläuft. Unten findest Du weiterführende und ergänzende Links zur kommenden Seenahme.


Quellen und ergänzende Links: